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Konzept

HEROES – Für Gleichberechtigung und gegen Unterdrückung im Namen der Ehre

1. Hintergrund

Das Leben in einer Gesellschaft mit unterschiedlichen Kulturen führt dazu, dass junge Heranwachsende mit Migrationshintergrund unterschiedlichen Erwartungen genügen müssen. Im Widerspruch stehen auf der einen Seite Traditionen sowie der kulturelle und soziale Hintergrund ihrer Eltern und auf der anderen Seite die Anforderungen der deutschen Gesellschaft, in der sie leben. Dies konfrontiert sie mit Widersprüchen, die es ihnen nicht leicht machen, sich z. B. mit Problemen wie Ausgrenzung oder Arbeitslosigkeit erfolgreich und ohne Aggressionen auseinanderzusetzen. Die jungen Männer, die aus so genannten Ehrenkulturen stammen, sind meist diejenigen, die die Tradition und die Ehre der Familie fortführen und beschützen müssen. Aufgrund von patriarchalen und kollektivistischen Strukturen sowie einer archaischen Rollenverteilung, die in Ehrenkulturen teilweise noch stark verbreitet sind, werden die Möglichkeiten einer freien Entwicklung ihrer Persönlichkeit und die Wahl eines selbstbestimmten Lebensentwurfs eingeschränkt. Patriarchalische Strukturen und Ehrvorstellungen drängen Mädchen und Frauen in die Opferrolle und in schwache Positionen, was zu Kontrolle und Unterordnung bis hin zur Zwangsheirat führt. Auch Jungen geraten durch diese Ehrvorstellungen unter Druck, was bei ihnen zu einer radikalen Durchsetzung der Ehrvorschriften führt. Die jungen Menschen haben meist nicht die Möglichkeit, die Lebensweise in ihrer Community zu hinterfragen.
Die Auswirkungen sind weitreichend und gesellschaftlich von Bedeutung: Sie beginnen bei einer strukturellen Ungleichheit der Geschlechter und reichen über einen enormen Verhaltensdruck, der auf dem Einzelnen lastet, und zur Einschränkung der freien Selbstentfaltung des Einzelnen, insbesondere bei Frauen und Mädchen führt. Mitunter gipfeln sie in Extremen wie Zwangsverheiratung und Ehrenmorden.

Hier setzt das Projekt HEROES an. Durch die intensive Auseinandersetzung mit Themen wie Gleichberechtigung, Ehre, Menschenrechten oder Männlichkeit sollen junge Männer dazu bewegt werden, ihre eigene Position zu diesen Themen zu reflektieren und Stellung zu beziehen, bestehende Denkmuster in Frage zu stellen und sich von patriarchalischen Strukturen zu distanzieren.

Das von der schwedischen Königin Silvia unterstützte Projekt HEROES hat seinen Ursprung in Schweden und wird seit 2007 in Berlin-Neukölln durchgeführt. Aufgrund des Erfolgs des Berliner Projekts wird HEROES nun auch in mehreren deutschen Städten installiert.
In Augsburg beträgt der Anteil von Bürgern mit Migrationshintergrund rund 40%; darunter sind viele Menschen aus Gesellschaften, in denen Ehre einen großen Einfluss auf die persönliche Lebensgestaltung hat. Deshalb wird das Projekt seit 2012 auch in Augsburg durchgeführt. Die BRÜCKE wurde als Träger des Projekts ausgewählt und erhält finanzielle Unterstützung vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen sowie von der Stadt Augsburg.

2. Philosophie des Projekts

Perspektivwechsel
HEROES richtet seinen Fokus, im Gegensatz zur häufig einseitigen allgemeinen Berichterstattung, auf Jugendliche mit Migrationshintergrund, die sich öffentlich für etwas stark machen. Es werden nicht Unterschiede zwischen Deutschen und Zuwanderern bzw. die vermeintlichen Defizite der Migranten in den Vordergrund gerückt. Im Mittelpunkt stehen vielmehr die Jugendlichen – die eigentlichen “Heroes”. Sie sind diejenigen, die sich im Spannungsfeld von traditionellen, teilweise widersprüchlichen Vorstellungen ihrer Herkunftsfamilie und Wertvorstellungen einer liberalen westlichen Gesellschaft befinden. Und trotzdem oder gerade deswegen finden sie die Kraft und den Mut, sich in der Öffentlichkeit für Gleichberechtigung und die universelle Gültigkeit von Menschenrechten einzusetzen.

Toleranz und Transparenz
Beim Projekt HEROES geht es nicht darum, andere Religionen oder Kulturen schlecht zu machen oder die Jugendlichen ihrem Elternhaus zu entreißen. Vielmehr steht der Gedanke im Vordergrund, unterschiedliche traditionelle und kulturspezifische Werte und Einstellungen mit westlichen Wertvorstellungen zu vereinbaren. Fester Bestandteil des Konzepts sind deshalb der Austausch mit den Eltern der Jugendlichen, um in regelmäßigen “Elternabenden” Vorbehalte und Ängste abzubauen, sowie der Kontakt mit Netzwerkpartnern.

3. Zielgruppe

HEROES richtet sich an junge Männer ab 16 Jahren, die ihre sozialen Wurzeln in Ehrenkulturen haben und die sich freiwillig, intensiv und regelmäßig mit Problemstellungen in ihren Kulturkreisen beschäftigen möchten. Folgende Voraussetzungen sind deshalb unabdingbar:

Motivation
Die jungen Männer absolvieren die komplette Ausbildung in ihrer Freizeit, deshalb ist eine Grundmotivation, d.h. der Wille und die Ausdauer, sich für längere Zeit mit den oben genannten Problemen theoretisch wie praktisch auseinanderzusetzen, unverzichtbar.

Bezug zum Thema
Eine grundlegende Voraussetzung ist zudem, dass die Jugendlichen einen klaren Bezug zur Problemstellung haben. Dies ist einerseits dadurch gegeben, dass sie ihre sozialen Wurzeln in Ehrenkulturen haben. Andererseits muss das Bewusstsein vorhanden sein, dass Spannungsfelder in ihrem Kulturkreis existieren, an denen sie etwas ändern möchten.

Offenheit
Letztendlich müssen die jungen Männer dem Projekt mit einer offenen Grundhaltung begegnen. Sie lernen, über bestehende Strukturen nachzudenken, sie zu hinterfragen und ohne Vorbehalte mit anderen darüber zu sprechen. Andere Meinungen werden grundsätzlich respektiert, aber nicht kritiklos übernommen.

4. Ziele

HEROES hat sich zum Ziel gesetzt, mit pädagogischen und kreativen Methoden eine Veränderung bei den Jugendlichen und in ihrem Umfeld herbeizuführen. Die Veränderungen beginnen bei jedem Einzelnen und werden dann im sozialen Umfeld sowie im gesellschaftlichen Mikrosystem (Schule, Vereine etc.) fortgeführt.

In den Schulungen und Workshops soll der Gedanke eines gleichberechtigten und toleranten Miteinanders innerhalb und zwischen den Kulturkreisen gestärkt werden. Während ihrer Ausbildung beschäftigen sich die jungen Männer ausgiebig mit Themen wie Ehre, Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern oder Menschenrechten. Dadurch lernen sie, Frauen und Mädchen als gleichberechtigt zu akzeptieren, entwickeln eigenständige Wertvorstellungen und können diese in der Öffentlichkeit vertreten. Es wird aufgezeigt, dass unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten des Ehrbegriffs existieren. Anstatt im Namen der Ehre seine Mitmenschen zu unterdrücken, ist es möglich, Ehre als Erfolg im Beruf oder als respektvollen und gleichwertigen Umgang mit Familie und Mitmenschen zu definieren. Letztendlich erlangen die jungen Menschen die Stärke und Fähigkeit, die Grenzen, die die Ehrenkultur ihnen setzt, zu überwinden.

Durch die Arbeit in Workshops übernehmen die “Heroes” die Funktion von Rollenvorbildern, mit denen sich Gleichaltrige und Jüngere identifizieren können. Die “Heroes” bieten Lebensmodelle für Jugendliche aus Ehrenkulturen, an denen diese sich orientieren können. Auf diese Weise erfahren sie, dass es möglich ist, für Gleichberechtigung und Menschenrechte einzustehen, ohne dabei seine kulturellen Wurzeln verleugnen oder gar verlieren zu müssen.

5. Team

Das HEROES-Team besteht aus zwei Gruppenleitern, einer Projektleiterin und einem Projektkoordinator. Beide Gruppenleiter besitzen einen Migrationshintergrund mit ähnlichem Erfahrungshorizont wie die Jugendlichen. Als Männer übernehmen sie zudem eine Vorbildfunktion für die Jugendlichen, was es den Teilnehmern erleichtert, sich ihnen zu öffnen.
Bei der Projektleitung wurde bewusst darauf geachtet, dass eine Frau diese Funktion übernimmt, um weibliche Sichtweisen in das Projekt einzubringen.
Der Projektkoordinator übernimmt administrative und organisatorische Aufgaben.

6. Ablauf

HEROES arbeitet in zwei Stufen. Zum einen werden junge Männer, die aus Ehrenkulturen stammen, zum “Hero” ausgebildet, indem sie sich mit Themen wie Ehre, Gleichberechtigung oder Menschenrechten auseinandersetzen. Zum anderen sollen sie liberale und tolerante Wertvorstellungen durch Workshops an andere junge Menschen weitergegeben.

Gestaltung
Die Ausbildung dauert sechs bis neun Monate. Eckpfeiler sind die regelmäßigen wöchentlichen Gruppentreffen mit acht bis zehn jungen Männern, in denen die Auseinandersetzung mit relevanten und sensiblen Themen im Vordergrund steht.

Um eine respektvolle, aber auch ungezwungene Arbeitsatmosphäre zu schaffen, beginnt der Trainingsprozess mit einer Phase des Kennenlernens und der Vertrauensbildung. Durch gemeinsame Unternehmungen wie Restaurant- oder Kinobesuche, Sport oder ein Wochenende auf einer Hütte wird eine Beziehung zueinander hergestellt. Die Jugendlichen bauen so untereinander und zu den Gruppenleitern Vertrauen auf und lernen, dass sie in der Gruppe offen über ihre Vorstellungen, Probleme oder Ansichten sprechen können, ohne vorverurteilt oder bloßgestellt zu werden. Um dieses lockere Verhältnis aufrechtzuerhalten sind auch im weiteren Verlauf gemeinsame Aktivitäten ein wesentlicher Bestandteil der Ausbildung.

Die inhaltliche wie organisatorische Gestaltung der Sitzungen ist flexibel und richtet sich nach den Bedürfnissen der Teilnehmer. Um eine gewisse Struktur zu gewährleisten, finden die Gruppenstunden an festen Tagen statt, können aber bei Bedarf auch variiert werden, sodass möglichst alle regelmäßig teilnehmen können. Die jungen Männer sind angehalten, sich aktiv einzubringen. Das bedeutet auch, dass neben den vorgegebenen Themen eigene Probleme oder Ansichten in der Gruppe besprochen werden können. Die Gruppenleiter sind zudem stets offen für Anregungen und Ideen der Jugendlichen.

Das Training an sich besteht aus der Diskussion von Grundlagenthemen. Die Methoden dabei sind – genau wie die Themen selbst – äußerst vielfältig und abwechslungsreich. Dahinter steht die Idee, das Interesse und Engagement der jungen Teilnehmer durch eine lebhafte wie anschauliche Gestaltung stets aufrechtzuerhalten. Trotz aller Variation haben alle Gruppensitzungen eines gemeinsam: Den jungen Männern soll nicht eine vorgefertigte Meinung präsentiert werden, die sie vorbehaltlos übernehmen. Vielmehr steht der Gedanke im Vordergrund, einen Denkprozess dadurch anzustoßen, dass Inhalte erlebt werden. Die jungen Männer diskutieren intensiv, ohne Zwänge und offen auf unterschiedlichste Arten, reflektieren gemeinsam und hinterfragen schwierige Themen. Nur so ist gewährleistet, dass ein (Um-)Denken angeregt wird, sie ihre (neugewonnen) Einstellungen festigen und diese überzeugend weitergeben können. Als Methoden kommen während des Trainings u.a. Gruppengespräche und -übungen sowie die Anwendung verschiedener moderner Medien wie Film, Musik oder Internet zum Einsatz. Gemeinsam mit den Gruppenleitern hören die Jungen Vorträge von geladenen Referenten und besuchen thematische Veranstaltungen und Ausstellungen. Durch theaterpädagogische Übungen setzen sie sich intensiv mit der Thematik auseinander und erlernen zugleich Präsentationsmethoden, Argumentation und szenisches Rollenspiel als Vorbereitung auf ihren Workshop.

In den Gruppensitzungen beschäftigen sich die jungen Männer u.a. mit folgenden Inhalten und Problemstellungen: kulturspezifische Ehrvorstellungen, strukturelle Benachteiligung von Frauen, Diskriminierung, Identitätsfindung bei Heranwachsenden in verschiedenen Kulturen, gesellschaftliche Strukturen in Ehrenkulturen, Menschenrechte, Geschlechterrollen u.v.m. Aktuellen (politischen) Themen oder eigenen Belangen der Jugendlichen wird ebenfalls Raum gegeben, um sich darüber auszutauschen.

Gegen Ende der Ausbildung findet eine gemeinsame einwöchige Reise statt. Die jungen Männer werden auf diese Weise für ihren Einsatz belohnt. Zusätzlich dient die Unternehmung zur Vorbereitung der darauffolgenden Workshops.

Den Abschluss des Trainings bildet die Überreichung des HEROES-Zertifikats. Jeder “Hero” erhält im Beisein der Eltern und prominenter Persönlichkeiten in einer feierlichen Zeremonie sein Abschlusszertifikat.

Workshops
Das HEROES-Zertifikat befähigt den “Hero”, Workshops abzuhalten. Nach Abschluss der Ausbildung gehen die “Heroes” an Schulen, Jugendzentren oder andere Einrichtungen und führen dort mit den Jugendlichen (weiblich und männlich) Workshops zum Thema “Unterdrückung im Namen der Ehre” durch.

Im Beisein eines Gruppenleiters werden von zwei “Heroes” anhand von anschaulichen und interaktiven Rollenspielen Konfliktsituationen in Ehrenkulturen dargestellt. Dabei werden die Workshops von den “Heroes” selbst durchgeführt. Der Gruppenleiter bleibt im Hintergrund. Er ist als Ansprechpartner dabei, um offene Fragen zu klären oder bei Unklarheiten weiterzuhelfen.

Der gleiche methodische Ansatz wie in der HEROES-Ausbildung findet auch in den Workshops seine Anwendung: Die Teilnehmer sollen durch eine intensive szenische Darstellung zum Diskutieren angeregt werden. Durch Einbezug in das Rollenspiel und gezielte Fragestellungen der “Heroes” setzen sich die jungen Menschen mit dem Gesehenen auseinander, fühlen mit und hinterfragen Handlungsweisen. Im Gruppengespräch werden gemeinsam Alternativen aufgezeigt und Lösungsansätze entwickelt. Auf diese Weise soll bei den jungen Teilnehmern ein Denkprozess angestoßen werden.

Die grundlegende Idee dahinter ist die der Peer-Education: Junge Menschen lernen von Gleichaltrigen mit gleichem oder ähnlichem Erfahrungshorizont. Die “Heroes” dienen den Jüngeren als Rollenvorbilder und übernehmen so die Funktion von Multiplikatoren.

7. Verankerung vor Ort

HEROES ist auf lokaler Ebene aktiv. Darum ist der Austausch mit unterschiedlichen Netzwerkpartnern wie Vereinen oder sozial engagierten Personen von großer Bedeutung. Der Austausch untereinander wird durch einen Projektbeirat, der in regelmäßigen Abständen tagt, gesichert. Das Projekt geht mit seinem Anliegen auch in die Öffentlichkeit und bezieht zu relevanten Themen Stellung.